Downunder & Photography

Während der fast sechs Jahre in Melbourne, die ich etwa ab meinem 30.Lebensjahr verbrachte, tauchte das Internet erst langsam und eher als eine Art experimenteller Randerscheinung auf. Das hatte Vorteile für den Umgang mit allen möglichen Behörden, weil sie fast gar nicht vernetzt waren. Ein großer Fortschritt waren schnurlose Telefone zu Hause und "Pager" für unterwegs. Auch Faxgeräte setzten sich mehr und mehr durch, damit konnte man zumindest schwarz-weißes Bildmaterial versenden. Videokameras wurden kleiner und erschwinglicher, Digitalfotografie war qualitativ nicht ernst zu nehmen, professionell fotografiert wurde ausschließlich mit Filmmaterial.

Gegen Anfang

Ankunft in Australien

Nach dem ewig langen Flug wurde mir schnell klar, dass in Australien vieles anders war als in Europa. Es war Juli, also Winter – nicht extrem kalt, aber mit früher Dunkelheit und viel Regen statt Schnee. Schon beim Einkaufen fiel auf, dass das Englisch hier ganz anders gesprochen wurde als das, was ich gelernt hatte.

Das gastronomische Angebot war um vieles vielfältiger als in Deutschland, und auf der Straße wurde deutlich, dass hier Menschen aus zahlreichen Herkunftsländern zusammenlebten. Nur wenige sprachen den urigen australischem Akzent, und die Herkunft spielte kaum eine Rolle – schließlich kamen fast alle „erst seit kurzem“ hierher.

Erste Eindrücke der Kunstszene

Nach Auftritten im Goethe-Institut und im ACCA (Australian Centre for Contemporary Art) wurde mir schlagartig bewusst, dass unsere Kunst, unsere Ansichten und unsere Ästhetik oft nicht verstanden wurden. Nur wenige Kreative aus der Subkultur zeigten echtes Interesse, mehr Zeit mit uns zu verbringen.

Melbourne verfügte über eine lebendige subkulturelle Musik- und Kunstszene, und einige Menschen begegneten mir mit großem Interesse – besonders, weil wir aus Berlin und Hamburg kamen. Für viele waren diese Städte, neben Paris, Sehnsuchtsziele.

Kontakte und Pläne

Bei einem Kunstevent lernten wir den Hamburger Germanus Pause kennen, der schon länger in Melbourne lebte und im Verkehrsministerium eine leitende Position innehatte. Er war in unsere Pläne eingeweiht: Wir wollten länger als die durch das Visum erlaubten sechs Monate bleiben.

Germanus erzählte uns von einer Generalamnestie, bei der alle Ausländer ohne kriminelle Vergangenheit eine Daueraufenthaltsgenehmigung (Permanent Residency) erhalten konnten. Unser Ziel war klar, doch zunächst mussten wir Wohnung, Arbeitsstelle, Führerschein, Bankkonto, Krankenversicherung, Steuernummer und Schule für unser Kind organisieren. Mit Germanus seinem Wissen und einem genauen Schritt-für-Schritt-Plan schafften wir es schließlich, unser Leben aufzubauen – Jahre später hörten wir nur, dass er auf mysteriöse Weise verschwunden war.

Leben in Melbourne

Es war ein aufwendiger Prozess, aber er lohnte sich: Wir kauften ein Haus, hatten mehrere Leasingverträge, ein eigenes großes Fotostudio. Sabine arbeitete bei der Wirtschaftskammer im PR-Bereich, unser Sohn besuchte eine gute Schule in St. Kilda und lernte fließend Englisch. Lediglich die Krankenversicherung (Medicare) ließ auf sich warten – ich ging nur selten zum Arzt und wartete geduldig auf die Amnestie.

Kunst allein reichte nicht für den Lebensunterhalt, also griff ich auf meine fotografischen Fähigkeiten zurück. Nach intensiven Monaten als Hausfotograf bei einer der größten Werbeagenturen der Stadt („Gasworks – David Mattingly“) baute ich ein starkes Portfolio auf. Schnell wagte ich den Schritt in die Selbständigkeit. Mein Studio lag in South Melbourne, dem Stadtteil mit den meisten Werbeagenturen. Die Aufträge, vor allem Werbekatalog- und Modefotografie, waren zahlreich und lukrativ.

 

Von oben: Eigenwerbung - Mein Fotostudio - Unser Haus mit Ausblick auf die üppige Natur -

Einige Arbeitsbeispiele und ein Artikel in einer Werbefachzeitung

Gegen Ende

Weltpolitische Entwicklungen

Zwischenzeitlich wurde klar, dass nun doch kein Atomkrieg sttfinden würde. Es fiel auch die Berliner Mauer, und die Nachricht erreichte mich über den Radiowecker. Ich konnte es kaum fassen – Europa war in den australischen Nachrichten kein Thema, Entwicklungen in der Sowjetunion nahm ich kaum wahr.

Für uns jedoch rückte das Thema Amnestie für die Daueraufenthaltsgenehmigung in weite Ferne. Trotz aller Beratungen schien es aussichtslos. Die politische Situation in Bezug auf Immigration hatte sich verändert, Computer tauchten in der Verwaltung auf, eine landesweite Vernetzung entstand.

Digitalfotografie und berufliche Transformation

Mein Stammkunde, Creative Director einer großen Werbeagentur, teilte mir mit, dass die gesamte Grafikabteilung auf Computer umgestellt werde. Damit kam die professionelle Digitalfotografie auf – ein Bereich, von dem ich bisher nichts verstand, und ich hätte meine gesamte Ausrüstung umstellen müssen.

Es wurde klar, dass es keine Amnestien mehr geben würde. Das öffentlich angekündigte Angebot, illegal im Land Aufenthaltsberechtigten drei Jahre straffrei eine Ausreise zu ermöglichen, machte die Lage ernst. Illegaler Aufenthalt war nun eine Straftat mit weitreichenden Konsequenzen.

Heimliche Vorbereitung auf die Abreise

Langsam und heimlich bereiteten wir unsere Abreise vor. Kaum jemand aus unserem Bekanntenkreis wusste, dass wir keine Aufenthaltsgenehmigung hatten. Der Alltag funktionierte perfekt, und ich verdrängte die Realität.

Ich erinnere mich an ein Gespräch in einer Bar über ein französisches Paar, das illegal im Land lebte und nun ausreisen musste. Innerlich errötend war ich erstaunt, dass ich überhaupt einen Satz zustande brachte. Es wurde sogar gescherzt, ob wir auch Illegale seien – die Runde lachte schallend, ich äußerlich mit.

Rückkehr nach Europa

Wir kündigten einen zweiwöchigen Urlaub an die Gold Coast an. Eines Nachts packten wir alles in einen Container, durchliefen eine strenge Befragung und Kontrolle bei der Ausreisebehörde und flogen zurück nach Europa. Der Container folgte unserem Ziel – und damit endete unser Abenteuer in Australien.

 


Erstelle deine eigene Website mit Webador