Das Leben an sich & ich

Seit Herbst 2022 lebe ich im Garten der Generationen - wie lebt sich das und mein Leben hier oder dort, wo bin ich? Wie haben sich die Visionen und die Gemeinschhaft entwickelt, sind Freundschaften der Grundton oder eher gute Bekanntschaften? Wie gestaltet sich der Alltag, wieviele Arbeitskreise sind notwendig. Was barucht es an regeln und Verwaltung. Wie stehts mit den Finanzen?

 

Stimmungsbilder aus unseren Arbeitskreisen und Treffen, Redekreise und Geburtstagsfeier mit den Kindern

Vision und Wirklichkeit der Beziehungskultur

Einzug und erste Eindrücke

Der Einzug in die Wohnungen begann etwa im August 2022. Ich selbst entschied mich bewusst für eine kleinere Wohnung – nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern im Vertrauen auf die großzügigen Gemeinschaftsbereiche im kleinen und großen Haus, heute Quellhaus und Sonnenhaus genannt. Auch bei der Küchengestaltung dachte ich an die gemeinsame Großküche, in der ich tägliche Begegnungen und gemeinsames Kochen erwartete – so wie ich es aus anderen gut funktionierenden Gemeinschaftsprojekten kannte. Doch schon beim Einzug fiel mir auf: Viele investierten stark in ihre privaten Küchen. Große, teure Küchenzeilen wurden angeliefert, wie man sie aus klassischen Wohnanlagen kennt. Gemeinschaftliches Kochen? Gemeinsame Mahlzeiten? Fehlanzeige. Bis heute hat sich daraus keine lebendige Kultur des Miteinander-Essens oder gegenseitigen Einladens entwickelt. Begegnungen finden meist nur im Rahmen monatlicher Arbeitstreffen statt – Feste und lockere Zusammenkünfte sind selten. Es fühlt sich eher wie ein Cohousing-Projekt im Anfangsstadium an.

Zwar gibt es eben diese eine schriftlich fixierte Vision (GdG-Handbuch)  – diese bleibt jedoch allgemein. Dennoch gibt es einzelne Personen, die meinen, genau zu wissen, wie das Projekt zu laufen habe – inklusive klarer Vorstellungen, wer dazugehört und wer nicht.

Vertrauen in Gemeinschaft – Meine Sichtweise

In funktionierenden Gemeinschaften steht die Beziehungsarbeit im Zentrum. Sie geht weit über die Organisation des Wohnens hinaus. Ziel ist ein dauerhaftes Vertrauensfeld, in dem sich alle Beteiligten öffnen, zeigen und einander begegnen – nicht nur oberflächlich, sondern mit echten Gefühlen, Anliegen und Themen. Solche Räume ermöglichen es, auch persönliche Themen zu teilen – ähnlich wie in tiefen Freundschaften. Es geht darum, ehrlich und authentisch zu kommunizieren, statt sich hinter gesellschaftlich akzeptierten Masken zu verstecken. Dabei ist Inklusion statt Ausgrenzung wichtig – auch in der sozialen Dynamik: Kein Getuschel, keine Kontaktschulden, keine stille Kontrolle.

Ein Denkanstoß

Ein Schlüsselmoment für mich war eine Bemerkung von einem Mitbewohner bei einem Arbeitstreffen: „Immer diese Sitzungen über Verwaltung, Finanzierung, Vermögenspool… Aber wo bleibt das gemeinsame Erleben? Die Freude? Das Feiern?“ Diese Frage traf mich. Wir saßen gerade wieder in einem der zahlreichen Treffen mit der VP-Treuhänderin, der alten und neuen Finanzgruppe. Da wurde mir bewusst, wie zentral Verwaltungsarbeit und Organisation geworden sind – im Namen von Selbstverwaltung, alternativer Finanzierung und (fraglicher) Unabhängigkeit.

Vision und Realität: Ein Spannungsfeld

Die Vision – ein umfangreiches Handbuch – wurde bei der Aufnahme in die Gemeinschaft unterschrieben. Doch wie viele lesen sie wirklich gründlich? Zwischen Wohnungsplänen und Verträgen geht sie schnell unter. Dennoch bildet sie das Fundament, das kaum in Frage gestellt werden darf. Der „Garten der Generationen“ (GdG) operiert mit zahlreichen Abkürzungen, Regeln und Strukturen. Der technokratische Ansatz ist spürbar – Entscheidungen werden als neutral, sachlich, korrekt dargestellt. Doch ist das Gemeinwohl wirklich ideologiefrei umsetzbar?

Soziokratie – Unser organisatorischer Rahmen

Die Soziokratie soll als Werkzeug für Selbstorganisation dienen. Sie basiert auf Prinzipien der Systemtheorie und verspricht, Spannungen nicht zu ignorieren, sondern gemeinsam zu bearbeiten. Die Bewohner übernehmen Mitverantwortung – für sich, für andere, für das Ganze.

In der Theorie klingt das gut. In der Praxis aber stellt sich die Frage:

Wird wirklich jede Stimme gehört? Wie wird mit Einwänden Einzelner umgegangen? Wo lauert subtiler Machtmissbrauch? Wie steht es um emotionale Achtsamkeit? Oft gleiten Gesprächsrunden in klassische Diskussionen mit Zwischenrufen ab. Die Kreiskultur, die eigentlich dahinterstehen soll, wird unterlaufen. Auch die formalen Rollen (Leitung, Moderator:in, Delegierte, Protokollant) können zum Korsett werden. Alles wird dokumentiert, archiviert – oft, ohne dass klar ist, wie Entscheidungen emotional wirken.

Zentrales Element ist der Konsent – nicht Mehrheitsentscheidungen, sondern das Prinzip: Kann ich damit leben? Doch das ist ein schmaler Grat. Denn „damit leben können“ ist nicht dasselbe wie „vollständig dahinterstehen“.

Wo Umdenken nötig ist

Es gibt Bereiche, in denen ein Umdenken weder gewünscht noch vorgesehen scheint: Der Vermögenspool ist gesetzt. Punkt.

Die ursprüngliche Vision ist bindend. Die Soziokratie ist alternativlos.

Veränderung? Nur im Kleinen. Hinterfragen? Nur begrenzt. Neues Denken braucht jedoch Räume – sonst wird aus einer lebendigen Vision ein starres Konstrukt.

Fazit

Der Garten der Generationen ist ein Ort voller Potenzial – und zugleich geprägt von Widersprüchen. Zwischen Ideal und Alltag, Struktur und Beziehung, Verwaltung und Gemeinschaft klafft oft eine Lücke.

Doch genau hier liegt die Chance: Wenn wir den Mut haben, ehrlich hinzusehen, unsere Werte ernst zu nehmen und unsere Praxis zu reflektieren, kann echte Gemeinschaft entstehen – Schritt für Schritt.

Was bleibt?

Ein starkes Projekt. Ein starkes Fundament. Aber auch: Ungelebte Potenziale. Struktur, die Beziehungen überlagert. Menschen, die mehr wollen – von sich und voneinander.

Echte Gemeinschaft entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Begegnung. Vielleicht ist es Zeit, genau dort wieder anzusetzen.

 

Blick vom Gartenbereich auf die Gebäude, im Vordergrund das "Sonnenhaus" - Gemeinschafts- und Seminarhaus. Drohnenfoto auf die ganze Gebäude-Anlage. Wintervergnügen am Teich

Garten der Generationen - Vision – Reflexion und Realität

Einleitung

Gleich vorweg: Ich fühle mich wirklich sehr wohl in diesem Wohnprojekt, dieser Gemeinschaft – oder wie man es nennen möchte. Vor meinem Einzug hatte ich ganz andere Vorstellungen und auch einige Befürchtungen. Beides hat sich anders entwickelt, und genau das macht doch das Leben im Wesentlichen aus.

Trotzdem sehe ich mir gerne das Regelwerk, die Visionen und Konzepte des „Gartens der Generationen“ kritisch an. Ich pflücke sie auseinander, um sie wieder in anderer Form zusammenzusetzen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mich von Anfang an stark im Verein engagiert habe. Trotz Kritik und Gegenwind ist mir die Freude dabei stets ein verlässlicher Begleiter geblieben.

Die Vision des „Gartens der Generationen“ (GdG) ist im offiziellen Regelwerk "GdG Handbuch" ausführlich beschrieben. Sie wird dort fast wie eine „heilige Kuh“ behandelt: als etwas, das existiert und nicht in Frage gestellt werden soll. Gleichzeitig zeigt sich, dass vieles dieser Vision bisher weit von einer tatsächlichen Umsetzung entfernt ist.

Doch was ist eigentlich eine Vision?
Eine optische Täuschung? Eine religiöse Erscheinung? Im vorliegenden Fall geht es um eine Vorstellung davon, wie die Zukunft des Vereins, der Gemeinschaft, die entstehen soll, aussehen könnte, wenn bestimmte Ideale verwirklicht wären. Idealerweise beschreibt eine Vision ein realistisches Ziel in einer nicht allzu fernen Zukunft.

Die hier vorliegende Vision wurde vermutlich in einem aufwändigen Prozess erstellt – und existiert in ihrer Grundform schon länger, als die meisten der heute Beteiligten Mitglied sind. Trotzdem muss jeder, der Teil der Gemeinschaft werden will, zustimmen, obwohl die wenigsten an ihrer Entstehung beteiligt waren. Vieles daran liest sich wie ein schönes Märchen, das sich gut in den Zeitgeist einfügt.

Meine Anmerkungen (Reflexion) sind kritisch, teils satirisch – nicht aus Böswilligkeit, sondern um die Vision ins Licht zu stellen und eine echte Auseinandersetzung zu ermöglichen. Sie soll nicht unantastbar bleiben.

Die offizielle Vision

"Der Garten der Generationen ist ein soziales Biotop, in dem wir eine lebensfreundliche Kultur mit einer Wirtschaftsweise der Verbundenheit erforschen und praktizieren. Durch gegenseitige Unterstützung erweitern wir den Grad der Selbstversorgung, bündeln Ressourcen und schaffen damit Freiräume."

Reflexion

In der Realität gibt es nur sehr wenige gebündelte Ressourcen. Kinderbetreuung findet kaum gemeinschaftlich statt. Carsharing funktioniert nicht. Gemeinsames Einkaufen oder Essen ist die Ausnahme. Von echter gemeinsamer Selbstversorgung kann bisher keine Rede sein.

Damit bleibt die große Vision vorerst ein wohlklingendes Ideal, das sich im Alltag nicht widerspiegelt.

Werte: Gemeinschaft und Individualität

„Gemeinschaft schafft offene Systeme von Partizipation und Lernen.
In einer lebendigen Gemeinschaft nehmen wir viel leichter die persönliche wie die globale Verantwortung wahr. Ebenso erhalten wir Unterstützung und Rückhalt auf persönlicher sowie auf systemischer Ebene.“

Reflexion

Das klingt großartig – doch die Realität sieht oft anders aus. Lernen setzt immer eine echte Offenheit voraus. Häufig wird das Neue oder Andere jedoch nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrgenommen. Statt Neugier entsteht Abwehr, manchmal sogar Abschottung.

Auch die Betonung der „globalen Verantwortung“ wirkt zeitgemäß und ist sicher ehrenwert. Gleichzeitig kann sie den Blick vom eigenen Umfeld ablenken. Verantwortung für die Welt zu betonen, während das unmittelbare Miteinander kaum gepflegt wird, ist ein Paradox.

Radikale Integration und Inklusion

„Radikale, soziale Integration und Inklusion nach dem ‚Eine-Welt-Prinzip‘, ein möglichst geringer ökologischer Fußabdruck, der Ausbau der Subsistenz im täglichen Leben und eine bereichernde Gemeinschaftskultur sind uns wichtig.“

Reflexion

„Radikal“ kann vieles bedeuten: Für manche ist es schon radikal, die Krawatte abzulegen oder den obersten Hemdknopf zu öffnen. Für andere geht es um tiefgreifende Veränderungen im Lebensstil oder Weltbild. Doch was passiert, wenn Inklusion nur bei bestimmten Gruppen funktioniert – und bei anderen nicht? Flüchtlinge mit patriarchalen oder religiös restriktiven Werten: werden sie wirklich integriert?

Menschen mit abweichenden Meinungen, etwa Impfkritiker oder Gegner von Waffenlieferungen: werden sie akzeptiert oder ausgegrenzt? Der ökologische Fußabdruck wird gern als Maßstab genommen. Doch gleichzeitig fliegen Politiker um die Welt, während sich die Einzelnen im Alltag mit Mülltrennung, Ebergiesparen und Carsharing beschäftigen sollen.

Gemeinsame Aufgabe

„Um unser Leben in der globalisierten Welt so zu gestalten, wie es diesen Werten entspricht, tun wir uns zusammen, um gemeinsam eine neue Lebensweise zu entwickeln und zu erproben. Als Gemeinschaft ist es unsere Aufgabe, zur positiven Entwicklung unserer Gesellschaft beizutragen. Das Umfeld des GdG bietet Rückhalt und Ermutigung, in Bereichen wie Demokratie, Frieden und Umwelt aktiv zu werden.“

Reflexion

Hier stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wer definiert eigentlich, was die „Aufgabe“ der Gemeinschaft ist? Was genau bedeutet es, „zur positiven Entwicklung der Gesellschaft“ beizutragen? Genügt es, Müll zu trennen, Elektroautos zu teilen und Bio-Produkte zu konsumieren?

Oder braucht es mehr? Und wenn ja – was?

Subsistenz / Lebenswirtschaft

„Wir tun selbst, was wir zur Erfüllung unserer Grundbedürfnisse beitragen können.
Wir wollen also z. B. an der Produktion unserer Nahrungsmittel und an der Schaffung unseres Lebensumfeldes selbst auch tatkräftig mitwirken.“

Reflexion

In der Praxis bedeutet das bisher: Jeder bewirtschaftet ein eigenes Gemüsebeet – meine Gurke, deine Gurke. Gemeinschaftliche Landwirtschaft findet nicht statt. Monatliche Aktionstage schaffen eher symbolische Beteiligung. Auch in Kleingruppen wie beim Hühnerstall-Projekt geht es mehr um individuelle Nutzung (eigene Eier), weniger um echte gemeinsame Versorgung.

Soziale Subsistenz

„Subsistenz im sozialen Bereich ist z. B. bei der Kinderbetreuung und bei der Betreuung älterer Menschen geplant. Für unsere Erwerbsarbeit schaffen wir Systeme von Kooperation, gegenseitiger Unterstützung und vielfältigem Teilen, insbesondere auch bei der Nutzung von Infrastruktur, Gebäuden und Kapital.“

Reflexion

Bisher ist das kaum Realität: Kinderbetreuung fand überwiegend individuell statt. Der privat finanzierte „Lernraum“ mit hochwertigen Montessori-Materialien wurde mangels Interesse bald wieder aufgegeben. Im Bereich Pflege und „betreubares Wohnen“ ist nie ein pflegebedürftiger Mensch eingezogen, obwohl die Infrastruktur (barrierefreie Räume, Küche, Sanitäranlagen) vorhanden ist. Stattdessen dienen die Räume heute als WG. Das zeigt: Gute Absichten allein reichen nicht, wenn Beteiligung und Engagement fehlen.

Eine-Welt-Prinzip

„Radikale, soziale Integration und Inklusion ist in Hinblick auf die derzeitigen ungleichen Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen auf der Erde ein Gebot der Stunde. Das ‚Eine-Welt-Prinzip‘ bedeutet, eine Lebensweise zu entwickeln und zu praktizieren, die gegenüber allen Menschen auf der Welt mit gutem Gefühl vertreten werden kann. Dabei geht es um Vermögensverteilung, Ressourcenverbrauch, Know-how-Weitergabe, gleiche Bildungs- und Ausbildungschancen, solidarische Sozialsysteme, fairen Handel und gleiche Zugänge zu allen Orten und Ländern.Im Garten der Generationen kann durch die Kraft der Gemeinschaft ein Lebensstil entwickelt und erprobt werden, der dies ermöglicht und fördert. Es können weltweite und lokale Beziehungen gepflegt werden, in denen ein Teil des erwirtschafteten Überschusses mit benachteiligten Gruppen geteilt wird.“

Reflexion

Ein beeindruckender Anspruch: Der Garten der Generationen als Leitprojekt für die ganze Welt.
Doch: Von einer „Kraft der Gemeinschaft“, die globale Strahlkraft entwickelt, war bisher wenig zu spüren. Die Realität bestand lange Zeit aus punktuellen Treffen und wechselnden Mitgliedern – mehr theoretische Gemeinschaft als gelebte Praxis. Der Gedanke ist bewundernswert, wirkt aber hochfliegend und entfernt von den vorhandenen Möglichkeiten.

Schenkwirtschaft

„Gib, was du kannst, und nimm, was du brauchst.“
„Verlasse diesen Ort besser, als du ihn vorgefunden hast.“
„Wie in einer Familie oder Partnerschaft, wo nicht gerechnet wird, wollen wir im GdG eine Kultur der Großzügigkeit und des Überflusses jenseits marktmäßiger Bewertungen entwickeln.“

Reflexion

Die Idee einer Schenkwirtschaft klingt schön – in der Praxis zeigt sich jedoch: Ein echtes „Schenken“ findet kaum statt. Selbst wenn in der Großküche gekocht wurde, kostete ein Essen meist über 10 €, während in anderen Gemeinschaften Mahlzeiten für 4-6 € möglich sind. Das „Tauschregal“ ist fast die einzige sichtbare Form des Schenkens – allerdings handelt es sich dabei meist um Dinge, die jemand nicht mehr braucht. Von einer „Kultur der Großzügigkeit und des Überflusses“ ist also wenig zu erkennen.

Freies Lernen und individuelle Entfaltung

„Jeder Mensch trägt einen einzigartigen Entwicklungsplan in sich.“
„Ein Mensch, dem es gut geht, benimmt sich gut.“ (Rebecca Wild)
„Menschen wollen grundsätzlich beitragen. Überwachungs- und Kontrollsysteme zerstören das soziale Verantwortungsgefühl.“
„Wer Lernen von außen lenkt, unterdrückt die Freude am Lernen – oft für ein Leben lang.“ (Gerald Hüther)

Reflexion

Die Vision betont: Achtung vor dem individuellen Entwicklungsplan jedes Menschen. Eigenverantwortung und Nicht-Direktivität. In der Realität zeigte sich jedoch: Vor dem Einzug in den Neubau war freies Lernen ein großes Thema, besonders während der Corona-Maßnahmenzeit. Der "Lernraum" war zunächst ein Lichtblick für viele Eltern und Kinder. Doch bald wurden die Unterschiede zwischen Familien sichtbar: Externistenprüfungen vs. völliges Freilernen, unterschiedliche pädagogische Konzepte, verschiedene Ansichten zu Mediennutzung und Ernährung. Die gemeinsame Basis zerfiel – das Projekt löste sich auf. Auch Überwachungs- und Kontrollmechanismen fanden indirekt Einzug – oft getarnt als „vernünftige Regeln“.

Klarheit des Geistes

Wir entscheiden uns für eine Lebensweise, die Nüchternheit, Präsenz und Achtsamkeit fördert. Gefühle werden nicht verdrängt oder betäubt, sondern bewusst wahrgenommen und durchlebt. Hochgefühle, die aus tiefer Verbundenheit mit Menschen, dem Göttlichen oder der Welt entstehen, nehmen wir dankbar an – ohne an ihnen festzuhalten. Wir achten auf Formen sozialen Missbrauchs, wie Co-Abhängigkeit oder die Instrumentalisierung von Menschen, sowie auf missbräuchliche Strukturen, die etwa durch Narzissmus oder Sucht entstehen. Um Sensibilität und Bewusstsein dafür zu stärken, unterstützen wir uns gegenseitig in selbstorganisierten Gruppen wie Frauen-, Männer- oder Elterngruppen.

Reflexion
Die Definition von „Drogen“ bleibt unklar: Sind sie ausschließlich betäubend oder können sie auch bewusstseinserweiternd wirken? Wie ist etwa Alkohol einzuordnen? Auch die genannten Gesprächskreise fanden nur selten oder gar nicht statt. Wenn sie stattfanden, wirkten sie oft wie Erzähl- und Diskussionsrunden ohne wirklichen Tiefgang oder echte Begegnung.

Spiritualität

„Der Garten der Generationen ist ein Ort, wo Menschen die Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit dem großen Ganzen suchen und finden können. Unterschiedliche Traditionen und Richtungen sind dabei willkommen.“

Reflexion

Das klingt offen und einladend. In der Praxis jedoch: Rituale oder spirituelle Treffen waren kaum fixer Teil des Gemeinschaftslebens. Einzelne brachten zwar eigene Formen von Spiritualität mit, doch es blieb auf private Kreise beschränkt. Von einem gemeinsamen spirituellen Boden ist wenig zu sehen. So bleibt Spiritualität ein theoretisches Schlagwort, das wenig verbindend wirkt.

Konfliktkultur

„Das Zusammenleben im GdG lebt von einem konstruktiven Umgang mit Unterschieden und Konflikten. Wir suchen aufrichtig Lösungen, die der Wahrheit dienen. Konfliktfähigkeit, Kommunikation und Einfühlungsvermögen können durch unterstützende Systeme wie Supervision, Mediation und Peer-Groups wachsen. Wir üben uns in einer Haltung, die Konflikte in Chancen für mehr Wachstum und Verbindung verwandelt.“

Reflexion

Konflikte gab es reichlich – Lösungen dagegen selten. In der Praxis endeten Auseinandersetzungen oft mit Rückzug oder Austritt einzelner.Die angebotenen Strukturen (Supervision, Mediation) wurden kaum genutzt. Ein echtes „Üben“ im Umgang mit Differenzen fand selten statt. Statt Konflikte als Wachstumschance zu sehen, führten sie häufig zu Spaltung und Sprachlosigkeit.

Verein & Vermögenspool

„Wir erkennen die Bedeutung des rechtlichen Rahmens und der Vereinsstruktur für die Entwicklung des GdG und übernehmen Verantwortung dafür. Zur Entwicklung und Umsetzung der Projektvision bündeln wir auch unsere Finanzen in einem gemeinsamen Vermögenspool.
Wir möchten ein gemeinschaftliches Poolen von Einkommen erreichen. Das Einkommen des Pools wird den Mitgliedern je nach Bedarf zugewiesen.“

Reflexion

Die Realität sieht völlig anders aus: Der Verein dient in erster Linie der Verwaltung, nicht der aktiven Gestaltung. Solch in gemeinsamer Vermögenspool existiert nicht. Was existiert ist der Vermögenspool zur Finanzierung der Immobilie. Einkommen wird nicht gebündelt, sondern individuell verwaltet. Die Vision einer „Bedarfszuweisung“ aus einem gemeinsamen Topf blieb reine Theorie – und wirkt im Nachhinein fast wie eine Utopie ohne Bodenhaftung. 

Wirtschaftliche Projekte

„Im GdG entstehen Subsistenz- und Erwerbsbetriebe …“

Reflexion

Subsistenzbetriebe kaum vorhanden. Erwerbsbetriebe fehlen. Gemeinschaftliche Produktion nicht entwickelt.

Öffentlichkeitsarbeit

„GdG als Lern- und Begegnungsort …“

Reflexion

Seminare selten und mit geringer Beteiligung. Symposien kaum umgesetzt. Austausch mit der Region minimal.

Ausblick

GdG sollte vieles sein: soziales Biotop, Bildungszentrum, Vorbild. Tatsächlich: Wohnprojekt mit begrenztem Austausch.

Chance: neu anfangen, realistische und gemeinsam getragene Vision entwickeln.

Schlussgedanken

Originalvision: Idealistisch, begeisternd, aber überfordernd. Ziel: alltagstaugliche Vision formulieren, weniger "akademisch" von oben nach unten.

Fokus auf gutes Miteinander, statt überdimensionierter Projekte.

Gemeinschaft lebt von Respekt, Freiheit, individueller Entfaltung und praktischer Umsetzung.

Die Vision war hochgesteckt, die Realität blieb weit darunter.

 

Gemeinsames Kunstprojekt, Malerei "All is welcome here", ab und zu wird auch gefeiert, die vielen Kinder freuen sich über ein angenehmes Leben in dieser Gemeinschaft

 

Unsicherheits- oder Ungewissheits-Toleranz 

Ambiguitätstoleranz, ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. 

Wie können wir mit Herausforderungen und Konflikten beziehungs-wahrend umgehen?

Wie teilen wir Lasten auf und streuen Risiken möglichst breit, sodass alle gut schlafen können.

(Christian Loy / Cambium-Gemeinschaft)

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