Zanzibar 2022
Im Frühjahr 2022 verbrachte ich fast zwei Monate auf der afrikanischen Insel Zanzibar. Mein Sohn Tamnino war im Herbst 2021 mit seiner Mutter eine Weile dort und die Erzählungen der beiden haben mich dafür begeistert, dort eine Auszeit zu verbringen. Um die Jahreswende hatt die Corona Pantomime einen ausufernden Höhepunkt erreicht, Zugangskontrollen vielerorts, Maskenpflicht, Testpflicht und am Horizont lauerte eine Impfpflicht - das regte mich an ins von Corona verschonte, maßnahmenlose Zanzibar zu fliegen, um etwas Abstand zu gewinnen und Neues zu erleben.
Im Land von Hakuna Matata
Endlich öffnet sich die Flugzeugtür – ein Schwall heißer, tropischer Luft schlägt uns entgegen. FFP2-maskiert drängen wir die Treppe hinunter, die ersten Schritte auf afrikanischen Boden. Vor dem Gebäude stehen verschleierte Frauen mit einfachen, lässig aufgesetzten Stoffmasken, die geduldig unsere PCR-Tests sehen wollen. Danach geht es weiter zu den Grenzbeamten, die in offenen Kojen auf uns warten.
Drinnen, in der kleinen Halle, sitzen die Beamten des tansanischen Staates hinter Glas. Mit freundlichem Lächeln fordern sie mich auf, die Maske für das obligatorische Foto abzunehmen – und fügen augenzwinkernd hinzu, dass so etwas hier auf Zanzibar nicht mehr nötig sei. Ein Satz, der wie ein Tor in eine andere Welt wirkt. Draußen, bei den wartenden Taxis, sind wir endgültig angekommen: mitten in einer neuen Realität, als kleine weiße Minderheit in einem vibrierenden, fremden Umfeld.
Die Hitze umfängt uns wie ein warmer Mantel: tagsüber etwa 33 Grad, nachts nie unter 25. Regen hat sich bisher nicht blicken lassen, auch wenn dunkle Wolken und fernes Donnergrollen manchmal etwas anderes versprechen.
Schon auf den ersten Blick zeigt sich der Kontrast zu Europa: schlichte, oft improvisierte Wohnhäuser, viel Müll am Straßenrand, unzählige zertretene Plastikflaschen. Kleine Müllhaufen werden direkt vor den Häusern verbrannt – ein beißender Rauch hängt in der Luft. Für uns Europäer, gewöhnt an politisch korrekte, verordnete Mülltrennung und anerzogene Sauberkeit, wirkt das ungewohnt und fast surreal.
Unsere Bleibe jedoch ist eine kleine Oase. Ein Projekt einer NGO, die Gäste zu fairen Preisen beherbergt und einfache, aber liebevoll zubereitete Mahlzeiten anbietet. Auf einem großen Grundstück verteilen sich mehrere kleine Häuschen im traditionellen afrikanischen Stil, jedes auf seine Weise einzigartig.
Neben der Gastfreundschaft steht hier Bildung im Mittelpunkt: die NGO organisiert verschiedene Initiativen für die einheimische Bevölkerung. Die Gäste sind überwiegend aus Österreich und Deutschland – viele von ihnen kritisch gegenüber den europäischen Corona-Maßnahmen, in ihrer ganzen Bandbreite bis hin zur Impfung kritisch gegenüber eingestellt - manche schon auf dem Sprung in ein neues Leben. Einige haben Grundstücke oder Häuser erworben, ihre Kinder besuchen internationale Schulen. Viele sind besorgt, dass es noch weitaus schlimmer kommen könnte, also noch mehr Einschränkungen und politischer Totalitarismus.
Das vielleicht Schönste aber: Hier denkt kaum jemand mehr an Masken, Abstandsregeln und sonstige Einschränkungen.. Niemand ist maskiert, niemand erwartet es. Ein befreiendes Gefühl, fast so, als hätten wir die Schwere der vergangenen Zeit mit dem Flugzeug zurückgelassen.
Zanzibar empfängt uns nicht nur mit Sonne, Wärme und neuen Eindrücken – sondern auch mit der Ahnung, dass hier ein anderes Leben möglich sein könnte.
Impressionen vom "Imarisha" - der nahe Strand mit Sprungturm - eines der vielen Luxusresort - Hunde und Katzen immer dabei - Tamino und sein Handy auch
Aufregend war die erste Fahrt in einem „Dalla Dalla“ – einem Kleinbus, der hier als öffentliches Verkehrsmittel dient. Eigentlich gedacht für 15 Personen, sind es in Wirklichkeit immer deutlich mehr. Man sitzt dicht an dicht, dazu wird noch alles Mögliche transportiert: stapelweise Plastikkübel, Gaskocher, Wäschekörbe. Und erstaunlicherweise findet alles und jeder seinen Platz. Ich merke, wie sehr die monatelange Masken- und Abstands-Propaganda in mir greift, es kommt eine Art irrationale Angst in mir hoch, werde ich diese Fahrt überleben?
Während der Fahrt merke ich, wie sehr die monatelange Masken- und Abstandspropaganda in mir nachwirkt. Eine irrationale Angst steigt hoch: Werde ich diese Fahrt unbeschadet überstehen? Gleichzeitig ergeben sich spannende Gespräche mit Einheimischen. Viele können die weltweiten Maßnahmen nicht nachvollziehen – hier gab es sie schlichtweg nie, ebenso wenig wie nennenswerte Opfer der „Seuche“. In einem armen Land lässt sich mit Impfstoffen und teurem Zubehör kein Geschäft machen, und Angst verfängt nicht, wenn die Menschen ohnehin wenig zu verlieren haben.
Interessante Gespräche mit afrikanischen Bewohnern der Insel haben oft Unverständnis gegenüber den weltweiten Maßnahmen zum Inhalt, hier gab es das alles nie, genauso wenig wie es Opfer der „Seuche“ gab und gibt. Klar lassen sich mit einem recht armen Land keine großen Geschäfte machen, die Regierung könnte niemals Millionen für Impfdosen und anderes Zubehör ausgeben, was in den reicheren Ländern ja möglich ist. Viele haben hier auch wenig zu verlieren, so greift Angstmache eben auch nicht.
Eine besondere Begegnung: Eine afrikanische Mitarbeiterin unserer Unterkunft, die sich um die Organisation und den Unterricht für Kinder kümmert, ist gleichzeitig Modedesignerin. Mit Leidenschaft entwirft sie neue Kollektionen. Ich durfte ihre aktuelle Linie fotografieren – schöne Bilder sind entstanden, die mich an meine Jahre als Modefotograf in Australien erinnerten. Auch dort war das Licht so kontrastreich, auch dort war die Hitze vertraut.
African Fashion, Design by Aline - fotografiert am Gelände vom "Imarisha"
Immer wieder kracht eine Kokosnuss zu Boden – ein dumpfer Schlag auf den Sand, wieder Glück gehabt und nicht getroffen.. Doch es zeigt: Hier gibt es viele Gefahren, die das Leben viel realer bedrohen als ein Virus. Von giftigen Schlangen bis hin zur herabfallenden Kokosnuss – die Natur selbst bleibt unberechenbar.
Überall spielen Kinder: die Jungen treffen sich abends zum Fußball, wenn die Sonne nicht mehr brennt. Andere stürzen sich von einem hohen Holzturm ins Meer. Handys und Computerspiele scheinen keine Rolle zu spielen – und trotzdem, oder gerade deshalb, wirkt ihr Lachen so echt. Touristen erkennt man an kurzen Hosen, während die einheimischen Frauen farbenprächtige lange Gewänder und Schleiertücher tragen.
Ein "Boda Boda" Motorradtaxi Fahrer macht Siesta - überall präsent, muslimisch verkleidete Schulmädchen - ein Rooftop Restaurant - Luxusbäckerei vorne, Müll daneben und leider überall - gekocht wird auch auf der Straße - das öffentliche Transportmittel, "Dalla Dalla" Kleinbusse - Massai in traditioneller roter Kleidung, das Smartphone immer dabei
Die Strände wirken endlos, weiß und von warmem, klarem Meer gesäumt. Das Wasser ist fast 30 Grad warm – ein Bad gleicht eher einer Umarmung als einer Abkühlung. Am Ufer begegnet man Massai, die in ihren roten Tüchern würdevoll auf und ab schreiten, oft mit langen Stöcken in der Hand. Sie sprechen bevorzugt Frauen an, charmant und selbstbewusst. Manche verkaufen Kunsthandwerk, andere bieten Touren an, viele telefonieren zwischendurch mit dem Smartphone.
Der Strand ist voller Leben: Hunde laufen frei herum, manchmal zieht eine Rinderherde vorbei, Mopeds und Motorboote mischen sich unter die Badenden. Und doch bleibt auch hier ein vertrautes Bild: die allgegenwärtigen Plastikflaschen.
Fast ständig wird man angesprochen: „Wie geht’s? Woher kommst du? Willst du ein Boot mieten, ein Moped, eine Kokosnuss?“ Manche wollen einfach plaudern. Für mich wird es schnell anstrengend. Smalltalk in gebrochener Sprache liegt mir nicht – weder hier noch zuhause. Ich sehne mich nach echten Gesprächen, nach beidseitigem Interesse. Also wähle ich bewusst Umwege, um den Kontakt zu meiden. In der dörflichen Kultur gehört der Gruß „Jambo!“ zwar selbstverständlich zum Alltag, doch als Weißer bleibt man exotisch, und die Kinder blicken einen besonders neugierig und lang an.
"Unser" Supermarkt mit vielen westlichen Produkten in Paje - Seminarraum im "Imarisha" - bei einer "Spice Fram mit speziellem Kopfschmuck und Guide - auf den Motorrollern ist man oft zu viert unterwegs - Riesenschildkröten und Affen im Nationalpark - fast alle Frauen tragen unterschiedliche Schleier - oft gibt es bei den Luxusresorts sehr klares warmes Meerwasser
Obwohl ich gerne hier bin, ertappe ich mich oft beim Nachdenken über den Sinn des Reisens. Früher hat es mir mehr Freude bereitet, heute stört mich die Hitze fast so wie zuhause die Kälte. Ich sehne mich nach frischen Semmeln statt exotischem Essen, und selbst das Schnorcheln im Meer oder ein Ausflug in die Stadt reizen mich wenig.
Am liebsten sitze ich unter Palmen – in sicherer Entfernung zu den Kokosnüssen – und lausche dem Rauschen des Ozeans. In der Stille finde ich Ruhe, besonders, wenn ich Zeit mit meinem Kind verbringe. Auch wenn sich langsam die Widerständigkeit der Pubertät bemerkbar macht, gehört das zum Vatersein dazu.
Zanzibar schenkt mir viel Zeit zum Nachdenken. Über Freundschaften, die sich im Laufe der letzten Jahre verändert haben. Über den Verlust von Nähe zu Menschen, die an einem ganz anderen Ufer stehen. Aber auch über das Glück, Gleichgesinnte zu treffen – Menschen, die jenseits von Angst und Zwang leben wollen.
Vielleicht ist das die Lernerfahrung Afrikas: dass man seine eigene Realität finden und gestalten kann, auch in einer Welt, die scheinbar immer autoritärer wird. Die Herausforderung wird sein, in Europa ein Stück dieser Freiheit zu bewahren.
Hakuna Matata – kein Problem, keine Sorgen. Am Ende sterben wir alle. Bis dahin aber sehe ich es als meine Aufgabe, das Leben so gut wie möglich zu genießen. Wenn das viele täten, ohne auf Kosten anderer, wäre das wohl die ehrlichste Form von Solidarität.
Und sollten sich dadurch „Freunde“ abwenden – nun, mögen sie in Frieden weiterziehen. Und möge ihnen keine Kokosnuss auf den Kopf fallen.
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